Aktuelles
27.07.2017

Abschleppkosten zur weit entfernten Werkstatt am Heimatort erstattungsfähig?

Sobald ein Geschädigter sein Fahrzeug nach einem Unfall über eine weite Strecke zu seiner Werkstatt am Wohnort statt in eine Werkstatt am Unfallort abschleppen lässt, ist regelmäßig mit Kürzungen bei den Abschleppkosten zu rechnen. Darüber, ob solche Kürzungen berechtigt sind, hat in einem aktuellen Fall das Amtsgericht in Korbach (Hessen) entschieden.

Der Sachverhalt:

Unser Mandant war an einem Montag um 18:25 Uhr auf der A 44 in der Nähe von Diemelstadt in Hessen unverschuldet in einen Unfall verwickelt, bei dem sein Fahrzeug erheblich beschädigt wurde und nicht mehr fahrbereit war. Er ließ das Fahrzeug durch den Abschleppwagen zu seiner Werkstatt an seinem 97 km entfernten Wohnort bringen.

Die dafür berechneten Kosten des Abschleppunternehmens wurden bei der Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers eingereicht, die die Abschleppkosten um fast 100 Euro kürzte. Die Schadenminderungspflicht des Geschädigten gemäß § 254 Abs. 2 BGB gebiete es grundsätzlich, das Fahrzeug lediglich bis zur nächst gelegenen geeigneten Werkstatt zu schleppen.

Die Entscheidung des Gerichts:

Das Amtsgericht Korbach (Az.: 3 C 7/17 (70)) sah das anders und sprach unserem Mandanten die von der Versicherung gekürzten Abschleppkosten zu.

Der Kläger habe substantiiert vorgetragen, das bei Diemelstadt verunfallte Fahrzeug in die Werkstatt an seinem Wohnort transportieren zu lassen, um an Reisekosten und Übernachtungskosten zum bzw. am Unfallort zu vermeiden. Somit wurden durch die entstandenen Mehrkosten (Abschleppen zum Wohnort) spätere Abholkosten erspart, so dass kein Verstoß gegen die Schadenminderungspflicht vorliege. Es lägen besondere Umstände vor, die es nötig machten, das Fahrzeug in die weiter entfernte Werkstatt (am Wohnort) abschleppen zu lassen.

Das Gericht ist damit unserer Argumentation gefolgt, der Kläger hätte am nächsten Tag zum Unfallort anreisen oder dort übernachten müssen, um in einer am Unfallort gelegenen Vertragswerkstatt die Reparatur besprechen und veranlassen zu können, da sich der Unfall außerhalb der üblichen Geschäftszeiten ereignete.

Ferner hätte nach einer durchgeführten Reparatur in einer Werkstatt am Unfallort das reparierte Fahrzeug zum Wohnort des Klägers verbracht oder abgeholt werden müssen, wodurch weitere Kosten entstanden wären.

Fazit:

Die Pflicht des Geschädigten, sich wirtschaftlich vernünftig zu verhalten (Schadenminderungspflicht), bedeutet nicht, dass nur die geringstmöglichen Kosten von der Versicherung des Unfallverursachers zu erstatten sind. Liegen besondere Umstände vor, können auch höhere Kosten wirtschaftlich vernünftig und zur Schadensbehebung erforderlich sein. Sie müssen dann von der Versicherung des Verursachers ersetzt werden.

Zu beachten ist bei Abschleppkosten aber, dass dies nur in Haftpflichtschadenfällen gilt.

In den meisten Kaskoverträgen ist bestimmt, dass Abschleppkosten nur bis zu einer Fachwerkstatt übernommen werden, die dem Unfallort am nächsten gelegen ist. So wird man, z.B. bei eigenverschuldeten Unfällen, die Mehrkosten (Abschleppen zum Wohnort oder Abholkosten nach Reparatur am Unfallort) selbst tragen müssen.

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