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Unfallschadenregulierung

Desinfektionskosten

In einigen Bereichen ist es schon lange Standard, dass Desinfektionskosten zu ersetzen sind, wenn sie auf einen erstattungspflichtigen Unfall zurückzuführen sind. Keine Diskussion gibt es z.B. bei der Rückgabe von Spezialfahrzeugen (Krankenwagen), wenn diese als Unfallersatzfahrzeug angemietet werden mussten (LG Kleve, Urt. v. 03.05.2017, Az. 2 O 59/15).

Dies hindert Prüfdienstleister indes nicht daran, diese Position systematisch aus den Rechnungen zu streichen und zu behaupten, Händewaschen würde reichen und eine Desinfektion sei nicht erforderlich.

Die Behauptung der Prüfdienstleister ist unhaltbar

In Hinblick auf COVID 19 steht diese Behauptung im klaren Widerspruch zu der eindeutigen Stellungnahme des Robert Koch Instituts. Danach ist Eine Übertragung durch kontaminierte Oberflächen ist insbesondere in der unmittelbaren Umgebung der infektiösen Person nicht auszuschließen, da vermehrungsfähige SARS-CoV-2-Viren unter Laborbedingungen auf Flächen einige Zeit infektiös bleiben.

Zudem steht die Behauptung in klarem Widerspruch zu der gemeinsamen Studie des Allianz Zentrums für Technik (AZT), des Zentralverbands Karosserie- und Fahrzeugtechnik (ZKF) sowie der  Interessengemeinschaft Fahrzeugtechnik und Lackierung (IFL e.V.).

Die Rechtsprechung ist eindeutig! 

Das AG Heinsberg hat in einem Urteil vom 04.09.2020 (Az. 18 C 161/20) unmissverständlich klargestellt: Es sind auch die Kosten für eine Fahrzeugdesinfektion zu erstatten. Eine solche ist in Zeiten der Corona-Pandemie nach erfolgter Reparatur eines Fahrzeugs, die ein Berühren des Fahrzeugs durch Dritte erfordert, notwendig. Dies gilt sowohl im Haftpflicht- als auch im Kaskoschadenfall (vgl. AG Aachen, Urt. v. 25.11.2020, Az.: 116 C 123/20; AG Siegburg, Urt. v. 19.11.2020, Az. 107 C 82/20).

Ausführlich hat das AG Frankenthal (Urt. v.12.04.2021, Az. 3a C 253/20) dargelegt, dass die Desinfektionskosten zu den erforderlichen Aufwendungen bei der Fahrzeuginstandsetzung zählen. Wörtlich heißt es in dem Urteil: „In diesem Zusammenhang wird auf die Hinweise des Robert-Koch-Instituts verwiesen, wonach „eine Übertragung durch kontaminierte Oberflächen (…) insbesondere in der unmittelbaren Umgebung der infektiösen Person nicht auszuschließen sei, da vermehrungsfähige SARS-COV-2-Viren unter Laborbedingungen auf Flächen einige Zeit infektiös bleiben“. Da im Rahmen der Reparatur das Fahrzeug des Geschädigten durch Dritte berührt wird, stellt die Desinfektion eine durchaus erforderliche Maßnahme dar, Corona-Viren auf den vermeintlich kontaminierten Oberflächen des Fahrzeuges unschädlich zu machen. Dabei gewährleistet das bloße Tragen von Schutzbekleidung keinen ausreichenden Schutz vor dem hochinfektiösen Corona-Virus.“ 

Abgesehen davon, dass selbst die Versicherungswirtschaft von der Notwendigkeit einer Desinfektion ausgeht, kann der Kunde einer Werkstatt erwarten „dass er ein sauberes, infektionsfreies Fahrzeug zurückerhält, sodass in diesen Zeiten eine Desinfektion nötig ist“ (LG Coburg, Urt. v. 28.05.2021, Az. 33 S 10/21). 

Das LG Stuttgart schließt sich dem an und konstatiert (Urt. v. 21.07.2021, Az. 13 S 25/21), ein Geschädigter dürfe in Zeiten der Corona-Pandemie „eine Desinfektion der wesentlichen Kontaktflächen vor Abholung des Fahrzeugs erwarten. Unabhängig davon, ob ein nennenswertes Risiko einer Schmierinfektion über Kontaktflächen objektiv besteht, wäre es für den Geschädigten eine über die bloße Lästigkeit hinausgehende Beeinträchtigung, wenn er das Fahrzeug ohne solche Maßnahmen entgegennehmen müsste.“ 

Exorbitante, das vernünftige Maß übersteigende Kosten (hier: 232,40 €) müssen zwar nicht erstattet werden (AG Heilbronn, Urt. v. 01.06.2021, Az. 11 C 43/21), auch wenn sie ansonsten nach den Grundsätzen des Werkstattrisikos zu den erstattungspflichtigen Positionen zählen (AG Vaihingen Urt. v. 29.06.2021, Az. 1 C 129/21). Wer aber meint, Desinfektionskosten seien den Gemeinkosten zuzurechnen übersieht, dass es schon aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus selbstverständlich erscheint, wenn eine Kfz-Werkstatt – die als gewinnorientiertes Unternehmen betrieben wird – den Mehraufwand und die Kosten der Desinfektionsmaßnahme an den Kunden weitergibt (AG München, Urt. v. 08.07.2021, Az. 337 C 7856/21). Dies hat auch das AG Straubing in einem Urteil vom 05.11.2020 (Az. 2 C 694/20) so gesehen, als es einen Vergleich zu den Kosten der vorgeschriebenen Desinfektion in der bayerischen Gastronomie gezogen hatte. Dem beklagten Versicherer schrieb es dabei ins Stammbuch es sei keinesfalls so, „dass Arbeitsschutzmaßnahmen nicht auf den Kunden umgelegt werden dürfen. Ein Rechtssatz nachdem der Unternehmer Arbeitsschutzmaßnahmen aus seinem Unternehmerlohn zahlen müsse ist nicht vorhanden. Vielmehr können derartige Maßnahmen durch Erhöhung des Stundenlohns geschehen oder eben durch die Erhebung einer Pauschale.“

(Letzte Aktualisierung: 17.09.2021)

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