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Unfallschadenregulierung

Verweiswerkstatt

Geschädigte können nach einem zwischen der konkreten und der fiktiven Abrechnung wählen. Bei der konkreten Abrechnung wird das Fahrzeug entsprechend einem Sachverständigengutachten instand gesetzt, bei der fiktiven Abrechnung lässt sich der Geschädigte den für die Instandsetzung erforderlichen Geldbetrag vom Schädiger / dessen Versicherer ausbezahlen.

Wenn Geschädigte fiktiv abrechnen, verweisen die Versicherer  gerne auf eine günstigere Reparaturmöglichkeit. Der Verweis dient der Verringerung der Ersatzleistungen des Versicherers. Liegen die Voraussetzungen für die Verweisung vor, kann der Versicherer au der Grundlage der Stundenverrechnungssätze der Verweiswerkstatt abrechnen. 

Zunächst muss die Verweiswerkstatt für den Geschädigten mühelos und ohne Weiteres zugänglich sein (BGH, Urt. v. 07.02.2017,  Az.: VI ZR 182/16 ). Zudem muss der Schädiger darlegen und ggf. beweisen, dass eine Reparatur in dieser Werkstatt vom Qualitätsstandard her der Reparatur in einer markengebundenen Fachwerkstatt entspricht (BGH, Urt. v. 20.10.2009, Az. VI ZR 53/09)

Zeigt der Geschädigte Umstände auf, die ihm eine Reparatur außerhalb der markengebundenen Fachwerkstatt unzumutbar machen, ist keine Verweisung möglich.

Gründe für die Unzumutbarkeit

  • Das beschädigte Fahrzeug wurde nachweislich und regelmäßig in einer markengebundenen Fachwerkstatt gewartet und repariert. Dies ist insbesondere bei älteren Fahrzeugen von Bedeutung (BGH, Urt. v. 13.07.2010, Az. VI ZR 259/09).
  • Die Verweiswerkstatt ist nur deshalb günstiger ist als die markengebundene Fachwerkstatt, weil nicht zu marktüblichen, sondern zu – mit dem Versicherer vereinbarten -Sonderkonditionen abgerechnet wird (z.B. BGH, Urt. v. 28.04.2015, Az.VI ZR 267/14).
  • Die Verweiswerkstatt ist für den Geschädigten nicht mühelos und ohne Weiteres erreichbar (BGH, Urt. v. 25.09.2018,  Az. VI ZR 65/18). Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn sie mehr als 20 Kilometer vom Wohnort des Geschädigten entfernt ist (z.B. OLG Karlsruhe, Beschl. v. 28.07.2015, Az. 1 U 135/14).
  • Die Verweiswerkstatt bietet keinen kostenlosen Hol- und Bringdienst an (AG Hamburg Altona, Urt. v. 26.07.2018, Az. 314a C237/17).
  • Das LG Hamburg hat in einem Urteil vom 04.01.2021 zwar darauf hingewiesen, dass die mühelose Erreichbarkeit nicht von einer starren Kilometergrenze abgängig gemacht werden kann, insbesondere, weil neben der Entfernung auch der zeitliche und der Transportaufwand zu berücksichtigen sind (LG Hamburg, Urt. v. 04.01.2021, Az. 323 S 43/20). Schließlich kann eine, mit dem Auto innerhalb kurzer Zeit erreichbare Entfernung mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln zu einer Tagesreise ausarten (AG Tettnang, Urt. v. 18.06.2021, Az. Yu 3 C 169/21).
  • Dem AG Lübeck zufolge (Urt. v. 09.11.2020, Az. 26 C 759/19), ist eine Verweiswerkstatt dann nicht „mühelos und ohne weiteres erreichbar“, wenn sie „unstreitig 17,3 km vom Wohnort des Klägers entfernt ist, während eine markengebundene Fachwerkstatt sich deutlich näher zum Wohnort des Klägers entfernt befindet. Der Kläger hat daher berechtigterweise eingewandt, dass ihm das Verbringen seines Fahrzeugs in die von den Beklagten vorgeschlagene Werkstatt wegen der Entfernung zum Wohnort unzumutbar ist.“ 
  • Hinzu kommen ökologische Aspekte: „In Zeiten des Klimaschutzes und den zu unternehmenden Anstrengungen auf nationaler, europäischer und globaler Ebene zur Vermeidung bzw. Reduzierung eines CO2 Ausstoßes, zur Begrenzung von Erderwärmung und Klimawandel erscheint es in höchstem Maße fragwürdig und kontraproduktiv, einem geschädigten Kfz-Eigentümer aufzuerlegen, übermäßig lange Strecken zur Reparatur seines Fahrzeugs zurückzulegen“ (AG Mannheim, Urt. v. 20.02.2020, Az. 3 C 4445/19).

Prüfberichte taugen nicht als Grundlage für eine Verweisung!

Als „aus sich selbst heraus nicht nachvollziehbares Zahlenwerk mit einem ebensolchen Abschlusssaldo“, kann ein Prüfbericht einem eigenständigen, aussagefähigen Schadensgutachten nicht das Wasser reichen. Als Grundlage für einen Verweis an eine andere Werkstatt könnte er nur dann genügen, wenn er ein konkretes schriftliches Angebot der Alternativwerkstatt darstellt, das hinsichtlich der technischen Gleichwertigkeit der Reparatur auch überprüfbar ist (AG Berlin Mitte, Urt. v. 30.04.2021, Az. 101 C 158/20 V).

(Letzte Aktualisierung: 09.08.2021)

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